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Kinder und Jugendliche im Fokus 126. Deutscher Ärztetag in Bremen

Am Donnerstagnachmittag, 26.5.2022 erhielten Kinder- und Jugendliche die Aufmerksamkeit des 126. Deutschen Ärztetags in Bremen bezüglich ihrer Gesundheit und Entwicklungsperspektiven während der Pandemie. Mittels zugeschalteten Beitrags von Katharina Swinka aus Potsdam, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz erhielt die junge Generation eine direkte Stimme im Plenum.

Die vier Referent*innen zeigten ein breites Spektrum von medizinischen, psychosozialen und ethischen Implikationen für Kinder- und Jugendliche während der Pandemie. Dr. Annic Weyersberg vom Netzwerk Kinder- und Jugendgesundheit in der Pandemie der Universitätsmedizin Köln beschrieb den ethischen, sozialen und entwicklungsspezifischen Rahmen einer günstigen Lebensverlaufsperspektive von Kindern und Jugendlichen auch außerhalb pandemischer Verhältnisse. Sie zeigte Eckpunkte zu Vulnerabilität, Resilienz und Schutzstrategien in der kindlichen Entwicklung auf. Dabei wurden die gesellschaftlichen Bedingungen für verschiedene Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen sowie Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Resilienz skizziert. Ein Resilienz Training an sich ist kaum möglich. Resilienz bezieht sich auf ererbte und vom Umfeld zur Verfügung gestellte Faktoren, welche meist nur geringfügig vom Individuum selbst beeinflussbar sind. Prof. Martin Holtmann, Leiter der LWL-Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie, beschrieb die Risiken für zusätzliche psychische und psychosomatische Erkrankungen bei Kinder- und Jugendlichen in der Pandemie. In seiner Darstellung wurde deutlich, dass viele Kinder und Jugendliche während der Pandemie durchaus eine hohe Kompensationsfähigkeit für die zusätzlichen Belastungen zeigten.

Es ist keine verlorene Generation! Für latent Erkrankungsgefährdete senkte sich durch Belastungen während der Pandemie die Krankheitsschwelle. Hatte vor der Pandemie der Sportverein oder die Jugendgruppe das Abgleiten z.B. in eine symptomatische Depression oder manifeste Angststörungen noch verhindert, so wurden bei Wegfall dieser Unterstützungsfaktoren während des Lockdowns die Kinder- und Jugendlichen symptomatisch und beratungs- sowie behandlungsbedürftig. Für Kinder- und Jugendliche erforderlich, bei nachgewiesener Wirksamkeit, sind niedrigschwellige, vernetzte Angebote im Bereich Schule, Familie, Freizeit mit Beratung und therapeutischem Angebot.

Die alleinige Aufstockung von Kassenzulassungen für Regelleistungstherapie ist keine Ressourcen bewusste Maßnahme für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Als Good Practice Beispiel wurde das Zentrum für familienorientierte Hilfen und Behandlung in Gütersloh genannt. Es arbeitet Hilfesystemübergreifend und wohnortnah. Die von Prof. Holtmann zitierte Aktion Psychisch Kranke e.V. fordert einen stärkeren Fokus auf psychische Kindergesundheit. Neben selbstverständlich geöffneten Schulen und Kitas braucht es Frühwarnsysteme für psychische Auffälligkeiten, einen Ausbau der Schulsozialarbeit, Impfen, sich über Corona hinaus andere Themen suchen sowie eine große Portion Humor und ganz viel Nachsicht. Prof. Berner, Direktor der Dresdner Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche und Mitglied des Expertenrats beim RKI legte detaillierte Zahlen zur Häufigkeit von Infektionen, Erkrankungen und schweren Komplikationen durch SarsCov2 bei Kindern und Jugendlichen vor. Darin wurde deutlich, dass über die bisherige Zeit der Pandemie Kinder- und Jugendliche zu keiner Zeit bei schweren Verläufen, Krankenhauseinweisungen und Komplikationen Häufigkeiten zeigten, welche das Gesundheitssystem überlasteten. Prozentual am gesamten Pandemiegeschehen war die Krankheitslast minimal. Die Arbeitsbelastungen der Praxen und Kliniken für Kinder- und Jugendliche resultierten eher aus dem Mehraufwand an Hygienemaßnahmen, der anfänglichen Verunsicherung im Umgang bei im Beginn der Pandemie vernachlässigter rechtzeitiger epidemiologischer Datenerhebung. Vor allen Dingen forderte die umfangreiche Beratung der verunsicherten Familien auch und gerade durch Kita- und Schulschließungen viel Zeit und Energie bei der medizinischen Versorgung in Praxen und Kliniken. Zum in der Laienpresse viel zitierten Long-Covid, auch bei Kindern und Jugendlichen, hob Prof. Berner hervor, dass die Unkenntnis über Ausmaß und Bedeutung dieser Folgeerkrankung groß sei. Er riet zur Zurückhaltung in der Interpretation bei insgesamt bisher sehr schlechter Studienlage. Bestimmte Symptome bei Long-Covid sind ähnlich wie bei anderen Viruserkrankungen als SarsVov2 vermittelt einzuordnen. Diese sind nach wenigen Monaten selbstlimitierend. Eine breite Palette immer wieder zugeschriebener Symptome kann mit der gegenwärtigen Datenlage nicht zugeordnet werden. PIMS (Pediatric inflammatory multisystem syndrome) sowie durch SarsCov2 oder als Impfkomplikation vorhandene Myokarditiden sind zahlenmäßig klein aber im Zentrum kinder- und jugendärztlicher Diagnostik und Behandlung. Für die weitere gute medizinische Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit SarsCov2 Erkrankungen ist eine sorgfältig nach Symptomen und Krankheitsbildern aufbereitete epidemiologische Datenerhebung wichtig.

Gerade damit kann die zukünftige Generation vor weiteren ungerechtfertigten Eingriffen in ihre Entwicklungsperspektive geschützt werden und die Kinder und Jugendlichen mit Erkrankungsrisiken können rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Prof. Zepp, em. Direktor der Mainzer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendliche und Mitglied der Ständigen Impfkommission (StiKo) erläuterte in einem spannenden Vortag die Arbeitsweise des Gremiums. Die ehrenamtlichen Entscheider*innen der StiKo mussten Ihre über Jahrzehnte gewohnte präzise wissenschaftliche Arbeit zur Bewertung von Impfungen während der Pandemie in Höchstgeschwindigkeit erbringen. Die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter*innen der StiKo, welche die wissenschaftlichen Studien zusammenstellen und zur Bewertung vorbereiten, wurde von den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung nicht erhöht. Umso zynischer wirkt die öffentliche Schelte aus Politik und Medien gegenüber der StiKo, wenn sie nicht das von über 80 Millionen Impfexperten und deren Sprachrohren Geforderte umgehend geliefert hat. Für die StiKo ist für die differenzierte Bewertung einer Impfung nach vorhandener Studienlage einzig und allein der Nutzen und eventuelle Nachteil für den einzelnen Menschen entscheidend. Erst aus dieser Nutzen-/Risikoanalyse für das Individuum kann eine allgemeine Empfehlung für die gesamte Bevölkerung, eine bestimmte Altersgruppe oder besondere Risikokonstellationen abgeleitet werden. Der Deutsche Ärztetag sprach sich mit großer Mehrheit für die Bewahrung der Ehrenamtlichkeit und Unabhängigkeit der StiKo ohne Einordung in eine weisungsgebundene Verwaltungsstruktur aus. Der Deutsche Ärztetag fordert eine bessere personelle Ausstattung der StiKo.

Christof Stork Wiesbaden, den 01.06.2022



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