130. Deutscher Ärztetag: Sparpolitik, Suchtmedizin und Machtmissbrauch im Gesundheitswesen
- 20. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Juli
Der 130. Deutsche Ärztetag in Hannover stand ganz im Zeichen der dringend notwendigen Reformen im Gesundheitswesen. Neben gesundheitspolitischen Debatten rückten die Zukunft der ärztlichen Selbstverwaltung, die Weiterbildung sowie die Suchtmedizin in den Fokus.

Kritik an der Gesundheitspolitik
In ihrer Eröffnungsrede hielt die scheidende Bundesgesundheitsministerin Nina Warken an ihrem Dogma fest, dass zunächst Einsparungen notwendig seien, um die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung und die Lohnnebenkosten stabil zu halten. Strukturreformen sollten erst zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Immerhin sagte sie zu, sowohl die neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) als auch die neue Approbationsordnung zeitnah umzusetzen.
Kritisch bewertet wurde hingegen das geplante GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz.
Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt fand in seiner Rede deutliche Worte dazu. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels und der Herausforderungen in der ambulanten wie stationären Versorgung seien tiefgreifende Reformen unverzichtbar. Das vorgelegte Gesetz sei jedoch kein Reformgesetz, sondern vor allem ein Spargesetz. Reinhardt forderte die Ministerin auf, die Sparmaßnahmen zunächst auszusetzen und gemeinsam mit der Ärzteschaft tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Gleichzeitig erneuerte er das Angebot zum konstruktiven Dialog mit der Bundesregierung.
Nachwuchs und Selbstverwaltung stärken
Bereits vor Beginn des Ärztetages trafen sich junge Ärztinnen und Ärzte zum ausgebuchten Dialogforum unter dem Motto „Einfach machen. Selbstverwaltung der Zukunft“. Diskutiert wurde, wie die ärztliche Selbstverwaltung für kommende Generationen attraktiver gestaltet werden kann.
Eine zentrale Forderung war es, Medizinstudierende frühzeitig an die Arbeit der Ärztekammern heranzuführen – beispielsweise durch Gastteilnahmen an Delegiertenversammlungen oder freiwillige Mitgliedschaften. Ziel ist es, Hemmschwellen abzubauen und mehr Nachwuchs für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen.
Suchtmedizin rückt in den Mittelpunkt
Ein weiterer Schwerpunkt des Ärztetages war die Suchtmedizin. Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Dr. Hendrik Streeck, forderte einen grundlegenden Systemwechsel in der Sucht- und Drogenpolitik.
Anhand konkreter Beispiele machte er auf erhebliche Versorgungslücken aufmerksam. So soll die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Niedersachsen schließen, eine der wenigen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit gleichzeitig bestehenden Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen. Bundesweit stehen für diese besonders vulnerable Patientengruppe lediglich rund 85 stationäre Behandlungsplätze zur Verfügung – nach der Schließung nur noch 25!
Prof. Dr. med. Norbert Scherbaum unterstrich die enorme gesellschaftliche Bedeutung von Suchterkrankungen: Rund zwei Millionen Erwachsene sind alkoholabhängig, bis zu 1,9 Millionen medikamentenabhängig und mehr als ein Drittel der Erwachsenen raucht. Die volkswirtschaftlichen Folgekosten belaufen sich jährlich auf Milliardenbeträge. Gleichzeitig zeigen erfolgreiche Maßnahmen der Verhältnisprävention – etwa im Bereich des Nichtraucherschutzes –, dass wirksame Prävention langfristig Erfolge erzielen kann.
Auch aus der Praxis wurde über gravierende Engpässe berichtet. Lange Wartelisten, häufige psychiatrische Begleiterkrankungen und die kontinuierlich sinkende Zahl von Substitutionsärztinnen und -ärzten verschärfen die Versorgungslage zusätzlich.
Der Ärztetag verabschiedete deshalb weitreichende Forderungen: Die Sucht- und Drogenpolitik soll sich konsequent an wissenschaftlicher Evidenz orientieren, Prävention stärker ausgebaut, Suchthilfe dauerhaft gestärkt und Suchterkrankungen als behandelbare chronische Erkrankungen anerkannt werden. Gleichzeitig soll die Stigmatisierung betroffener Menschen weiter abgebaut werden.
Wichtige Beschlüsse für Patient*innen
Der Ärztetag fasste zudem mehrere praxisrelevante Beschlüsse. Künftig soll jede Patientin und jeder Patient Anspruch auf eine kostenfreie Erstkopie der Patientenakte haben. Damit wird ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs umgesetzt.
Außerdem wurde klargestellt, dass telemedizinische Leistungen grundsätzlich zum ärztlichen Niederlassungsbegriff gehören. Gleichzeitig soll der Einfluss reiner Finanzinvestoren auf Arztpraxen begrenzt werden: Wer nicht selbst ärztlich tätig ist, soll grundsätzlich nicht am Gewinn einer Praxis beteiligt werden können, sofern keine gesetzliche Ausnahme besteht.
Weiterbildung braucht bessere Rahmenbedingungen
Ein weiterer großer Themenblock war die ärztliche Weiterbildung. Zahlreiche Beiträge machten deutlich, dass Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung und starre Hierarchien die Qualität der Weiterbildung erheblich beeinträchtigen. Im Dialogforum berichteten viele Teilnehmende, dass im Weiterbildungslogbuch regelmäßig Kompetenzen bestätigt würden, ohne dass diese tatsächlich vermittelt worden seien.
Gefordert wurden daher verbindliche Qualitätsstandards und Evaluationen für Weiterbildungsbefugte sowie eine angemessene Finanzierung der Weiterbildung im stationären Bereich. Auch der Umgang mit Machtgefällen und der Abhängigkeit von Weiterbildungsbefugten bei befristeten Arbeitsverträgen wurde kritisch diskutiert.
Berichte von sexualisierten Übergriffen eröffneten Debatte über Machtmissbrauch
Am letzten Tag des Ärztetages berichteten Medizinstudentinnen der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) über übergriffiges Verhalten einzelner Teilnehmer während der Veranstaltung. Die Bundesärztekammer und die Landesärztekammern verurteilten die geschilderten Vorfälle umgehend und sicherten den Betroffenen ihre Unterstützung zu.
Als Konsequenz beschlossen die Delegierten verbindliche Verhaltenskodizes, Awareness-Konzepte sowie unabhängige Vertrauenspersonen. Darüber hinaus wird das Thema „Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung“ einen Schwerpunkt des 131. Deutschen Ärztetages bilden.
Ausblick
Der 130. Deutsche Ärztetag machte deutlich, dass das deutsche Gesundheitswesen vor großen Herausforderungen steht. Neben einer nachhaltigen Finanzierung wurden insbesondere Reformen in der Weiterbildung, der ärztlichen Selbstverwaltung und der Suchtmedizin als zentrale Zukunftsaufgaben identifiziert. Gleichzeitig setzte der Ärztetag wichtige Signale für mehr Patientenschutz, eine stärkere Digitalisierung und einen respektvollen Umgang innerhalb der Ärzteschaft.
Der 131. Deutsche Ärztetag wird 2027 in Wiesbaden stattfinden.
Bericht des Hessischen Ärzteblattes über den DÄT: Juli/August 2026
Beschlussprotokoll: Beschlussprotokoll des 130. Deutschen Ärztetages 2026
